Hamid, der seit dem Sturze seines Oheims mit wundervoller Hast ein unvergleichlich sicheres Spionagesystem organisiert hatte, wußte schon am späten Abend des 3. August, wenige Stunden nach der Einladung, was seiner und seiner Verwandten harrte. Wäre er der mordlustige oder blutrünstige Verbrecher, als den man ihn immer dargestellt hat; hätte er aus verbrecherischem Instinkte heraus, wie behauptet wird, stets die Ausrottung seiner Verwandten und etwaigen Nebenbuhler oder Mörder verfolgt: seine Haltung hätte sich in einer Minute entschieden. Er hätte sich krank gemeldet, oder besser noch, er hätte offiziell die Einladung angenommen und wäre nicht in Beylerbey erschienen. Vielleicht hätte in seiner Abwesenheit Murad im letzten Augenblick, aus Furcht entdeckt zu sein, die Vergiftung vertagt; wahrscheinlich aber wären die anderen alle getötet worden, und er allein dem Sultan gegenüber geblieben. Jedenfalls hätte er geschwiegen, wenn ihm daran gelegen gewesen, eine Reihe von Männern aus dem Wege geräumt zu sehen, die später unter seinem Sultanat für ihn eine fortwährende persönliche Gefahr bedeuteten. Und niemand hätte es ihm vorgeworfen, da niemand es gewußt hätte. Aber Abdul-Hamid war so entsetzt, daß er alle politischen Argumente ausschaltete. Es war — rein politisch betrachtet — sicher ein Fehler. Denn er machte mit seinem rein menschlichen Entschluß, die Opfer zu retten, sein ferneres Leben zur furchtbarsten Hölle und lieferte hiermit sein Reich, anstatt es seiner Staatstheorie nach zu entwickeln, einer Schreckensherrschaft aus, die sich durch dreißig 72