durfte also nicht mehr daran denken, das Reich nach seinem Willen und seinen Ideen zu entwickeln. Sondern er konnte nur noch den einen Gedanken verfolgen, sich selbst erfolgreich zu verteidigen. Und das Zahnradgefüge der Verteidigungsmaschine, des ungeheuren Spionagesystems, wurde mit jedem Tage komplizierter, griff in alle Erscheinungen des öffentlichen und häuslichen Lebens ein, ließ nichts im Lande mehr frei, lief wie eine ungeheure feurige Zunge in schlangenhaften Windungen über das Reich, um mit seinem giftigen Hauche alles zu versengen, die Schuldigen wie die Guten, kraftstrotzende Bäume wie welke. WILHELMS II. ERSTER BESUCH „Inzwischen war ein großer Teil des Reiches an Feinde verloren worden: Thessalien, Serbien, Bulgarien, Montenegro, Tunesien, Ägypten und so fort. Die Hohe Pforte hatte kein Arbeitsobjekt mehr. Alle Geschäftsleitung war ihr entrissen, derart, daß nunmehr eine Stelle bei ihr nichts anderes mehr war, als ein einträgliches Geschenk an einen beliebigen Freund. Europa ließ sich Ruhe und doktorte nicht mehr so stark am ,Kranken Manne' herum. Und der Sultan, der sich von Beginn seiner Regierung an zu Rußland freundlich, zu England feindlich und zu den anderen indifferent verhalten hatte, kümmerte sich kaum um die äußeren Angelegenheiten des Reiches. „So kam das Jahr 1889 heran und mit ihm der erste Besuch des deutschen Kaisers in Konstantinopel. 118