17. Von Spalato nach Ragusa. 153 •meinwesens haftet ihr noch immer an. In mancher Beziehung ist Ragusa der angenehmste Aufenthalt in Dalmatien, namentlich wegen der herrlichen landschaftlichen Umgebung und wegen des milden Klimas. Die sozialen Verhältnisse aber tragen sehr das ‘Gepräge herabgekommener Größe und die Adelsfamilien sind nur die Schatten ihrer früheren stolzen Namensträger. Geschichtliches. TJm das Jahr 590 v. Chr. gründeten griechische (korinthi-sehe) Kolonisten die Stadt Epidaurus, welche an jener Meeresbucht im Südosten von Ragusa sich erhob, wo dermalen der kleine Flecken Ragusavecchia liegt. Diese Kolonie, welche zur Zeit Roms Hauptstadt von Unter-Illyrien war, 395 dem byzantinischen Reiche einverleibt wurde, zerstörten die Avaren im Jahre 656, worauf die Flüchtlinge sich auf der felsigen Insel niederließen, auf welcher der heutige südliche Teil Ragusas liegt. Der dermalige Stradone, die Hauptstraße, war in ältester Zeit ein Meereskanal. Schon im Jahre 663 erfolgte die Gründung der Republik; bis zum Jahre 1204 stand Ragusa unter orientalischem Schutze, nach der Eroberung Konstantinopels durch die Venezianer unter dem Schutze der letzteren, vom Jahre 1358 unter jenem von Ungarn. Diese Schutzherrlichkeit hörte im Jahre 1526 auf. Das goldene Zeitalter der kleinen Republik fällt in den verhältnismäßig kurzen Zeitraum von 1427—1437. Ragusa hatte bald die Gefahr erkannt, welche ihm aus der bedenklichen Nachbarschaft der mächtigen venezianischen Republik im mittleren und nördlichen Dalmatien drohe und begab sich neuerdings unter fremden Schutz, diesmal unter den der Osmanen (1453). Der Tribut war anfangs nicht bedeutend (1500 Dukaten), stieg aber zuletzt auf 10.000 Dukaten. Dieses Tributärverhältnis blieb auch nach den Friedensschlüssen von Carlovitz (1697) und Passarovitz (1718) aufrecht erhalten. Im ersteren Friedensschlüsse trat die Republik zwei schmale Gebietsstreifen an der Küste (Kiek und die Sutorina) .an die Pforte ab, um ihr Gebiet von jenem der Venezianer territorial zu isolieren. Als im Jahre 1796 die Franzosen der Ionischen Inseln sich bemächtigten, erschien ein französischer Kommissär in Ragusa mit dem Verlangen nach einem Darlehen von 1 Million Lire. Die Republik brachte die Summe mit Mühe auf und die Gemeinde Canali rebellierte sogar, so daß österreichische Truppen einsehreiten mußten. — Im Jahre 1806 betraten die Franzosen das Land; 1808 wurde der Freistaat mittels Dekretes aufgehoben. Im Jahre 1809 erfolgte die Einverleibung der Stadt und ihres Gebietes in das neugeschaffene Königreich Illyrien; 1814 gingen Stadt und Land in österreichischen Besitz über. Organisation der Repnblik. — Die Verfassung des kleinen Freistaates war eine rein aristokratische, im wesentlichen der venezianischen nachgebildet. Die innere Regierung bestand aus dem Großen Rate (Consiglio maggiore), in welchem alle über 20 Jahre zählenden und im Adelsbuche, Specchio, verzeichneten Edelleute Sitz und Stimme hatten. Im Senate (Appellgerichtshof in Justizangelegenheiten) saßen 45 Senatoren (Pregati), die das 40. Jahr zurückgelegt haben mußten. Der Kleine Rat bestand aus 7 Mitgliedern und hatte die Exekutive. Ein Senator, von 1350—1358 Conte dann Rettore genannt, stand an der Spitze der Verwaltung. Sein Amt währte immer nur einen Monat. Der Rektor mit 11 Räten besorgte die wichtigsten Geschäfte. Der Rektor wohnte im Regierungspalaste und durfte denselben nur bei dienstlichen Anlässen verlassen. Aus dem Gremium der Pregati (Senatoren) wurden alljährlich 5 Proveditori gewählt, welche die Verfassung zu überwachen hatten. Ohne eine Mehrheit von sieben Achtel Stimmen im Großen Rate durfte kein Gesetz abgeändert und ohne Zustimmung von drei Vierteilen kein neues Gesetz erlassen werden. Aus den ältesten Senatoren wurden die Schatzmeister (Tresorieri) gewählt. An der Spitze der 11 Verwaltungsbezirke standen Conti; sie waren besoldet, während die höheren Funktionäre der Republik ihre Ämter unentgeltlich ausübten. — Es gab fünf Hangstufen (Kasten): 1. Die Geistlichkeit, 2. die Nobilli oder der Adel, 3. die Cittadini oder Bürger, 4. die Handwerker, Kauf leute und Seeleute und 5. die Contadini oder der Bauernstand. Zwischen Adel und Volk bestand die größte Kluft. Besonders traurig war die Lage des Bauers, der Leibeigener war und von dem Bodenerträgnis hohe Prozente an den Nobile abliefern