460 RAGUSA. Literatur und Wissenschaft.1 Schon unter byzantinischer Herrschaft war Ragusa wegen seiner geographischen Lage, die es hauptsächlich auf die See anwies, in engem Verkehre mit dem gegenüberliegenden Italien; als aber (im Jahre 1205) die Ragusäer der venetianischen Republik botmässig wurden, gestalteten sich diese Bande noch enger, so dass das gerade mit dem XIII. Jahrhundert zu neuem Culturleben aufblühende Italien auch die strebsame Gemeinde auf der östlichen Küste des Adriatischen Meeres beeinflussen musste. Da nun Ragusa ursprünglich eine romanische Stadt war, welche ausserdem in kirchlicher Beziehung dem lateinischen "Westen angehörte, so ist es selbstverständlich, dass seit der ältesten Zeit sowohl in der Kirche als auch im öffentlichen Leben (in der Gemeindekanzlei u.s.w.) die lateinische Sprache ausschliesslich angewendet wurde; nur im schriftlichen Verkehre mit den slavischen Nachbarländern wurde wenigstens zum Theil auch das Serbocroatische verwendet. In lateinischer Sprache sind daher auch die ältesten Producte literarischer Thätigkeit verfasst: neben Grabinschriften in Hexametern eine ebenfalls in Hexametern verfasste Stadtchronik, welche einem gewissen Miletius zugeschrieben wird, der im XIII. Jahrhundert gelebt haben soll. Ein allgemeineres Interesse für Literatur und Wissenschaft konnte in Ragusa erst dann entstehen, als in dieser Beziehung Italien als leuchtendes Beispiel zu dienen vermochte. Thatsächlich wurden schon im XIV. Jahrhundert Lehrer aus Italien berufen und von jungen Ragusäern (meist Theologen) italienische Universitäten besucht, doch blieb die allgemeine Bildung auch in diesem Jahrhundert auf einer ziemlich niedrigen Stufe und noch im Jahre 1455 wurden gesetzlich von den Staatsämtern alle des Lesens und Schreibens unkundigen Edelleute ausgeschlossen. Einstweilen hatte sich die einst rein romanische Stadt allmählich slavisiert. Schon im XIII. Jahrhundert trugen sogar die Edelfrauen vorwiegend slavische oder mit slavischen Endungen gebildete Namen. Doch noch in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts wurde der altromanische Dialekt wenigstens zum Theil von den Edelleuten gesprochen. Dem vordringenden Slavismus konnte aber auch der Beschluss des ragusäischen Senates vom Jahre 1472 nicht mehr Einhalt thun, durch welchen den Edelleuten verboten wurde, in den Rathssitzungen slavisch zu sprechen. Es ist daher leicht erklärlich, dass, als in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts Ragusäer auf literarischem Gebiete auftraten, sie sich neben dem Lateinischen und Italienischen auch des Serbocroatischen bedienten. Wissenschaftliche Werke wtirden von allem Anfänge an lateinisch geschrieben, später zum Theil auch italienisch, da slavisch Geschriebenes auf einen allzu engen Kreis beschränkt gewesen wäre. In der schönen Literatur hingegen wurde, dem von Italien gegebenen Beispiele folgend, vorzugsweise das nun- 1 Dieser Abschnitt entstammt der Feder des Herrn Docenten (an der Wiener Universität) Dr. Milan Ritter v. Resetar.